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Autor Thema: Selbstständig und in der Krise + Probleme mit Jobcenter  (Gelesen 426 mal)

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Offline LeaMaria

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Selbstständig und in der Krise + Probleme mit Jobcenter
« am: 19. November 2020, 19:34:00 »
Hallo zusammen, ich bin neu hier und möchte 2-3 Fragen stellen und mir zusätzlich etwas den Kummer von der Seele reden, vielleicht hat jemand schon mal ähnliches mit dem Jobcenter erlebt. ;-)

Kurz zu mir: im Dezember 2019 habe ich mich als freiberufliche Werbetexterin/Übersetzerin selbstständig gemacht. Zum damaligen Zeitpunkt ahnte ich noch nichts von der bevorstehenden Coronakrise und den Auswirkungen. Bevor ich im Dezember 2019 in die Selbstständigkeit gestartet bin, war ich einen Monat arbeitslos und habe ALG I bezogen. In diesem Monat habe ich  versucht, den Gründungszuschuss zu beantragen oder an einem vom Jobcenter finanzierten Existenzgründungseminar teilzunehmen. Bereits damals musste ich feststellen, wie unkooperativ man sich mir gegenüber zeigte. Ich war immer freundlich, doch hatte das Gefühl, man wollte mir schlicht und einfach nicht helfen. Meine Eltern hatten und haben leider nicht die finanziellen Mittel, um mich zu unterstützen.

Der Gründungszuschuss ist an den Bezug von ALG I geknüpft, Förderungsmaßnahmen wie Einstiegsgeld und ein bezahltes Seminar für Existenzgründer an ALG II. In beiden Fällen wäre ich für eine Hilfe nicht infrage gekommen, schließlich stellte ich als gelernte Hotelfachfrau "eine Bereicherung für den weniger stark umkämpften Fachkräftearbeitsmarkt dar", so wurde es mir mitgeteilt. Das ist natürlich plausibel. Zusätzlich sagte man mir, dass beide Förderungsmaßnahmen eigentlich nur für diejenigen gedacht sind, die trotz mehrmaligen Versuchen auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt nicht einzugliedern sind, beispielsweise weil sie zu lange arbeitslos waren oder schlecht vermittelbar sind. Damals wunderte ich mich schon, dass man demnach also nur denjenigen beim Start in eine Selbstständigkeit helfen möchte/kann, die ohnehin bereits auf dem Arbeitsmarkt ihre Problemchen haben. Merkwürdig… Vielleicht spricht hier gerade aus mir jedoch nur der Frust ;-)

Bis Ende September bin ich von den finanziellen Auswirkungen der Coronakrise zum Glück verschont geblieben. Zum 1. Oktober habe ich eine neue Wohnung (Hamburg, 1000€ warm) bezogen, meine Möbel und Geräte habe ich alle samt mitgenommen. Überraschender Weise habe ich direkt zu Beginn der Selbstständigkeit sehr viel mehr verdient, als ursprünglich angenommen und kann mir diese Miete daher absolut erlauben. Ansonsten lebe ich recht bescheiden, habe keinen PKW, keinen teuren Handyvertrag etc. nur meinen Laptop zahle ich mit 92 € monatlich ab.

Nun zu meinem Problem: in der 1. Oktober Woche musste ich dann leider feststellen, dass ich nicht einen einzigen Auftrag erhalten habe!! In der Vergangenheit (auch im 1. Lockdown) war es so, dass die Kunden von selbst kamen und ich immer mehr Anfragen hatte, als ich tatsächlich annehmen konnte. Für ein geregeltes Einkommen konnte ich daher jederzeit Sorge tragen. Im Laufe des Monats Oktober hat es sich dann dann so zugespitzt, dass ich fast garkeine neuen Aufträge erhalten habe. Tatsächlich habe ich dennoch einen Gewinn von 1.576,82 € verzeichnen können. Davon gehen allerdings noch Steuern und meine Krankenkasse in Höhe von 264 € ab. Meine Fixkosten belaufen sich inklusive Krankenkasse und monatlichen Betriebsausgaben auf ca. 1.700€.

Wichtig ist hier zu wissen, dass ich als Kleinunternehmerin keine Bilanz erstelle, sondern lediglich eine simple Einnahmen -Überschuss-Rechnung, in der die Einnahmen den Ausgaben gegenübergestellt werden. Kürzlich gilt das so genannte Zulaufsprinzip ist mir das Job Center nachträglich mitteilte was bedeutet, dass ich einen vom Kunden erhalten Rechnungsbetrag dem jeweiligen Monat als Umsatz zu ordnen muss, in dem dieser auf mein Konto eingegangen ist. Da in den letzten Wochen Kunden oftmals ihre Rechnungen nicht pünktlich zahlen konnten, obwohl die Dienstleistung längst erbracht war, trudeln demnach immer noch nach und nach kleine Beiträge auf mein Konto ein.

Da ich alle erhaltenen Aufträge sofort erledigt habe, konnte ich demnach meinen Lebensunterhalt im Oktober gerade noch so stemmen. Meine Eltern haben meine Mietkaution netterweise übernommen. Glücklicherweise habe ich einen Kunden, der jeden Monat eine bestimmte Textmenge anfordert, so dass ich etwa 1000 € monatlich sicher habe. Ich habe dann vorsorglich für den Fall, dass meine Auftragslage so bleibt zum 01.11. aufstockendes ALG II beantragt. Dies hat sich als richtig erwiesen, denn leider konnte ich diesen Monat erst einen Auftrag ausführen. Ich verbringe täglich etwa 4 Stunden damit, verschiedene Firmen und Agenturen anzuschreiben und mich um Aufträge zu bemühen, doch leider vergeblich. Zusätzlich warte ich auf insgesamt 500 €, die mir Kunden aus alten Aufträgen schulden, derzeit aufgrund eigener finanzieller Schieflage jedoch nicht überweisen können.

Diese Woche hatte ich nun zwei unerfreuliche Telefonate mit dem Jobcenter. Jetzt kommt mein eigentliches Problem. Ich musste gleich zweimal erleben, dass ich für meinen Antrag auf ALG II derartig zurecht gewiesen worden bin und man mir mehr oder weniger durch die Blume sagte, ich wäre an meiner Situation selber schuld. Das meine Wohnung für 1000 € Warmmiete weit über dem liegt, was das Job Center eigentlich an Miete tragen müsste, ist mir durchaus bewusst, ich hatte jedoch nie vor, von der Grundsicherung zu leben. In einem zweiseitigen Schreiben, welches ich meinem ALG II Antrag beigelegt habe, schrieb ich zu dem, dass ich die Miete aus eigener Kraft tragen kann, jedoch gerne den üblichen Hartz IV Satz in Anspruch nehmen möchte. Nach meinem Kenntnisstand beträgt dieser knapp über 400 €.
Im Voraus habe ich bereits sämtliche Kontoauszüge (privates, Geschäfts – und PayPal Konto) übersandt. Das Jobcenter ist über meine Lebensverhältnisse demnach informiert und sieht, dass ich privat kaum etwas ausgegeben habe. Die eine Mitarbeiterin fragte mich, wieso ich mich überhaupt beim Jobcenter melde und nicht einfach meinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I geltend mache. Ich habe sie dann höflich darauf hingewiesen, dass man für den Bezug von ALG I arbeitslos sein muss. Dem stimmte sie dann nach langem hin und her zu! Dann meinte sie noch, dass ich als Hartz IV Empfängerin monatlich 100 € dazu verdienen dürfte, ich komme für ALG II demnach garnicht in Frage. Ich erklärte ihr dann, dass es für Selbstständige derzeit gesonderte Regelungen gibt. Demnach kann jeder Selbstständige, der wegen Corona in eine Krise geraten ist, aufstockend für erst mal 6 Monate ALG IIbeantragen und auch die Miete wird in der tatsächlichen Höhe übernommen. Anschließend sollen die Leistungen dann nach erneuter Prüfung gegebenenfalls weiter bewilligt werden. In meinem Schreiben an das Job Center hatte ich bereits mitgeteilt, dass ich davon ausgehe, bereits zu Beginn des nächsten Jahres wieder aus eigener Kraft meine Lebensunterhalt zu finanzieren, demnach reden wir hier von eine Bewilligungszeitraum von zwei Monaten, sofern es mit der Auftragslage wieder Berg aufgeht. Für die kommenden fünf Monate sollte ich meinen Verdienst schätzen und habe demnach 1100 € pro Monat festgelegt.

Im heutigen Telefonat wurde ich etwas unfreundlich gefragt, wieso ich mich ausgerechnet in der Coronakrise selbstständig machen müsse, ich hätte doch wissen können, dass dies nicht klappt. Das finde ich ehrlich gesagt frech, schließlich habe ich mich im Dezember 2019 selbstständig gemacht und konnte zu dem damaligen Zeitpunkt nicht erahnen, was dieses Jahr auf uns zukommen würde. Dann fragte die Mitarbeiterin, warum ich zu Beginn meiner Selbstständigkeit keine Förderungen vom Staat entgegen genommen habe, schließlich gibt es Existenzgründungsseminare und Gründungszuschuss und dann hätte man auch überhaupt ermitteln können, ob meine Geschäftsidee überhaupt tragbar ist. Ich sagte ihr dann, dass mir nichts davon ermöglicht werden konnte. Ihre Antwort "Auch das wird dann wohl seine Gründe haben, was?"

In meinen Telefonaten ging es übrigens eigentlich nur um Klärung bezüglich zweier Dokumente, die für meinen Antrag noch fehlen. Heute sagte die Mitarbeiterin dann jedoch, dass ich mir keine allzu großen Hoffnungen machen soll, schließlich hat man Viel zu tun und die Kurzarbeitergelder müssen erst einmal bearbeitet werden. Der krönende Abschluss war dann ihre Aussage "Wer so verdient, dem gehts nicht schlecht."

Ich fühle mich nun irgendwie total unwohl. Es fiel mir ohnehin schon schwer, überhaupt einen Antrag zu stellen. Leider blieb mir jedoch keine andere Wahl und dennoch überlege ich mittlerweile, ob mir diese Grundsicherung eigentlich zusteht. Schließlich gibt es Menschen, die wirklich nichts haben und aus verschiedenen Gründen nicht arbeiten können. Ich kann also absolut verstehen, dass diese Menschen vorrangig unterstützt werden, schließlich verdiene ich ja immerhin noch kleine Beträge. Auch für meine hohen Fixkosten kann das Amt nichts. Dennoch finde ich den Umgang irgendwie komisch.

Vor zwei Jahren hat sich mein  Freund selbstständig gemacht. Er kam damals direkt aus seinem Studium und wurde vom Jobcenter umfangreich gefördert. Fast ein Jahr lang hat er neben ALG 2 + Übernahme der Miete und einem Einstiegsgeld zusätzlich noch ein vierwöchiges Seminar für Existenzgründung besuchen dürfen und bekam zum Abschluss 5000 € Bonus für die Anschaffung von Geschäftsausstattung. In diesem besagten Seminar wunderte er sich damals über diverse Teilnehmer, die daran wohl mehr oder weniger unfreiwillig teilnahmen, da das Amt diesen Personen nahegelegt hatte, sich doch selbstständig zu machen, wenn es als Angestellter auf dem Arbeitsmarkt schon nicht klappt. Manche der Teilnehmer wussten zum Ende des vierwöchigen Seminars nicht einmal, was sie künftig eigentlich machen wollen... Und genau diese Tatsache macht mich irgendwie so sauer. Wie kann es sein, dass Leute ohne wenn und aber gefördert werden, die Selbstständigkeit nahezu aufgezwängt bekommen, obwohl sie jahrelang nicht vermittelbar waren und teilweise auch nicht über die nötige Motivation und Qualifikation verfügten, Um sich dauerhaft als Solo – Unternehmer zu behaupten.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass ich Niemanden etwas missgönne und das Amt nicht die Schuld an meinem Unmut geben möchte. Ich bin allerdings einfach über den Verlauf der Dinge etwas irritiert. Wie glaubt ihr, stehen die Chancen, dass mein Antrag gegebenenfalls bewilligt wird und hat jemand vielleicht schon einmal ähnliches erlebt? Hat einer vielleicht schon einmal einen Antrag auf Übernahme der Krankenkassenbeiträge gestellt, ohne sonstige Grundsicherung in Anspruch zu nehmen?

Ich danke allen, die sich die Zeit genommen haben, bis hierhin zu lesen und wünsche einen entspannten Abend :-) Lea

Online Fylou

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Re: Selbstständig und in der Krise + Probleme mit Jobcenter
« Antwort #1 am: 19. November 2020, 20:02:14 »
Ich weiß nicht wie im Moment die Bearbeitungszeiten sind, aber mehr als 3 Wochen würde ich nicht warten. Was die am Telefon sagen ist die eine Sache, es zählt nur was schriftlich reinkommt. Von daher würde ich darauf erst einmal nicht so viel geben. Sollte eine Ablehnung kommen müsste man dann ggfs. Widerspruch einlegen. Da du nicht mittellos bist hat man da auch aktuell noch nicht viele Chancen das zu beschleunigen.

1000€ Warmmiete sind natürlich schon heftig und natürlich fragt das JC nach, wenn der Umzug fast zeitgleich mit dem Antrag auf ALG2 zusammenfällt. Wenn du zum 01.10. umziehst und bis 01.11. ALG2 beantragst...ist das halt ungünstig. Wie hoch war denn deine alte Miete, deutlich günstiger? Eventuell könnte man sonst damit argumentieren.


Offline LeaMaria

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Re: Selbstständig und in der Krise + Probleme mit Jobcenter
« Antwort #2 am: 19. November 2020, 20:35:41 »
Danke für deine Antwort :) Ich werde also erstmal die Füße stillhalten und warten, was per Post kommt.

"1000€ Warmmiete sind natürlich schon heftig und natürlich fragt das JC nach, wenn der Umzug fast zeitgleich mit dem Antrag auf ALG2 zusammenfällt. Wenn du zum 01.10. umziehst und bis 01.11. ALG2 beantragst...ist das halt ungünstig. Wie hoch war denn deine alte Miete, deutlich günstiger? Eventuell könnte man sonst damit argumentieren."


Du hast absolut recht, meine letzte Warmmiete betrug 630 €. Ich habe monatlich jedoch im Durchschnitt das dreifache von dem verdient, was ich im Oktober verdient habe. Das weiß das Jobcenter auch, ich habe extra Auszüge von meinem Geschäftskonto für die letzten 6 Monate geschickt. Mal sehen, was sie dazu sagen. Mehr als nein sagen können sie ja nicht :o :-D

Offline blaumeise

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Re: Selbstständig und in der Krise + Probleme mit Jobcenter
« Antwort #3 am: 20. November 2020, 16:06:04 »
 :offtopic:

Zitat von: LeaMaria am 19. November 2020, 19:34:00
Das meine Wohnung für 1000 € Warmmiete weit über dem liegt, was das Job Center eigentlich an Miete tragen müsste, ist mir durchaus bewusst, ich hatte jedoch nie vor, von der Grundsicherung zu leben. In einem zweiseitigen Schreiben, welches ich meinem ALG II Antrag beigelegt habe, schrieb ich zu dem, dass ich die Miete aus eigener Kraft tragen kann, jedoch gerne den üblichen Hartz IV Satz in Anspruch nehmen möchte.
Ehrlich gesagt, es macht mich sprachlos zu sehen, wie du an eine Antragstellung herangehst.



Hier kannst du nachlesen, wie das Einkommen angerechnet wird bei selbständig Tätigen, die ALG II beziehen: Berechnung Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit (§ 3 ALG II-V)  ==>  https://hartz.info/index.php?topic=17.msg19#msg19

Zitat von: LeaMaria am 19. November 2020, 19:34:00
Hat einer vielleicht schon einmal einen Antrag auf Übernahme der Krankenkassenbeiträge gestellt, ohne sonstige Grundsicherung in Anspruch zu nehmen?
Wenn du allein durch die Zahlung des KV-Beitrags hilfebedürftig würdest, dann gilt gemäß § 26 Abs. 2 SGB II: http://www.buzer.de/gesetz/2602/a37311.htm

Offline Fettnäpfchen

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Re: Selbstständig und in der Krise + Probleme mit Jobcenter
« Antwort #4 am: 20. November 2020, 16:09:38 »
LeaMaria

Du kennst dich ja verhältnismäßig gut aus.
Lies dir mal noch die Ratgeber (am besten komplett) durch vllt. kannst du das eine oder andere gebrauchen:
Änderungen des SGB II durch das Sozialschutz-Paket
Zitat
Nichtbeachtung der neuen Rechtsvorschriften durch Jobcenter (02.04.2020)
Es m(weiterlesen...)
Leistungspflicht des Leistungsträgers

Die vom JC getätigten Beleidigungen und Unterstellungen und das inkompetente Geblubber solltest du am besten überhören bzw. nichts darauf geben.

MfG FN
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